In Stein gemeißelte Geschichte:

Der Rathausplatz in Augsburg

Ein Beitrag von Johannes Schnitzer und Margit Metzger

Der heutige Rathausplatz bildet einen umfangreichen architektonischen Querschnitt der Geschichte Augsburgs ab. Diese reicht vom römischen Erbe über das Mittelalter bis in die Gegenwart. Das Ensemble des Platzes wird vor allem durch die Spätrenaissance dominiert, die sich mit dem Rathaus, dem Perlachturm und dem Augustusbrunnen vor dem Neuen Bau präsentiert. Es werden aber auch andere Epochen sichtbar. So zum Beispiel das Mittelalter in Form der giebelständigen Häuser „Unter dem Bogen“, die im Vogelschauplan von Joerg Seld aus dem Jahr 1521 bereits erkennbar sind. Beiderseits schließen Nachkriegsgebäude aus den 50er Jahren an. Die Gestaltung der Pflasterfläche reicht bis in die 1970er Jahre. Ein Drittel des Platzes nimmt die Fassade des ehemaligen Polizeipräsidiums aus dem Jahr 1900 ein. Durch den Augustusbrunnen lässt sich ein Bezug zum 2000- jährigen römischen Erbe der Stadt Augsburg herstellen. Erst durch den Abbruch der Kriegsruinen eines ganzen Häuserblocks bekam der heutige Rathausplatz seine Dimensionen. Mit dem Verzicht auf eine Wiederbebauung wurde zwar erstmals eine frontale Sicht auf die Hauptfassade des Rathauses, aber bis heute keine überzeugende Gesamtwirkung der umgebenden Baukörper erreicht. Durch eine ausgewogene Begrünung könnte der Raum neu dimensioniert, der Platz belebt und die Kulisse durch Rahmung „lesbar“ gemacht werden.

Perlachplatz

Im Mittelalter war der damalige Rathausplatz als Perlachplatz und „Eiermarkt“ bekannt. Auf diesem konnte man an Verkaufsständen unter anderem Eier, Geflügel und Butter erwerben. Die Nordseite bildete das alte Schlachthaus (Metzig), die später an den Mittleren Lech verlegte Stadtmetzg. Überragt wurde der dreieckige Platz von dem mit der Sturmglocke ausgestatteten städtischen Wachtturm, dem Perlach. Die Stimmung auf diesem von engen Gassen umgebenen Markt ist in dem um 1531 entstandenen Zyklus der „Augsburger Monatsbilder“ von Jörg Bräu d. Ä. für die Monate Oktober – Dezember sehr lebendig dargestellt. Das gotische Rathaus ragte lediglich mit seinem reich verzierten sog. Kaiser- Erker in diesen Platz hinein. Die Funktion des Rathauses beschränkte sich nicht nur auf die politische Entscheidungsgewalt. Im Rathaus fanden auch Gerichtsverhandlungen statt. Für die Vollstreckung der Urteile wurden Richtstätten auf dem Perlachplatz oder dem angrenzenden Fischmarkt genutzt: Für die Verurteilten befand sich ein Pranger unter dem Rathaus und am Fischmarkt stand ein sog. „Schandesel“ für den Eselsritt. Das Rathaus diente insbesondere als Repräsentationsbau der Freien Reichsstadt Augsburg. Durch die geographische Lage und die Handelsfamilien Fugger und Welser, durchlief Augsburg im 15. und 16. Jahrhundert eine wirtschaftliche Blütezeit und wurde zu einer der reichsten und mächtigsten Handelsstädte der damaligen Zeit.

Renaissanceplatz mit Augustusbrunnen

Die Verwandlung des Perlachplatzes in einen Renaissanceplatz begann 1594 mit der Aufstellung des Augustusbrunnens, eines Prachtbrunnens mit Bronzen des niederländischen Bildhauers Hubert Gerhard. Das Figurenprogramm mit dem grüßenden Stadtgründer Kaiser Augustus verband erstmals die bedeutsame Stadtgeschichte mit der wohlhabenden Gegenwart, verkörpert durch Allegorien der vier reichlich spendenden Gewässer des Umlandes. Als Prospekt wurde der sog. „Neue Bau“ von Elias Holl errichtet, der zeitgemäße Ersatz für die abgebrannte Metzig. Das gotische Rathaus, welches bis 1385 als Fachwerkbau bestand und letztmals 1516 erweitert worden war ersetzte nach 14- jähriger Planungszeit Elias Holl durch einen monumentalen Neubau. Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1624 galt dieses Gebäude der Spät-Renaissance für ein knappes Viertel- Jahrtausend als höchstes Gebäude der Neuzeit. Zur Abrundung des baulichen Ensembles am Perlachplatz wurde der Wachtturm aufgestockt und zum Glockenturm umgestaltet.

Ludwigsplatz

Nach dem Verlust der Reichsunmittelbarkeit wurde 1806 der Platz mit dem Augustusbrunnen vom bayerischen König Maximilian I. nach seinem Sohn und späteren König Ludwig I in „Ludwigsplatz“ umbenannt. Ab 1830 steht die Augsburger Börse an diesem wohl prominentesten der Augsburger Plätze. Die Hauptfassade des mächtigen Rathauses war auch von hier aus noch immer ausschließlich aus der Seitenperspektive sichtbar. Schräg gegenüber dem Rathaus wird um 1900 das Polizeipräsidium neu errichtet. Seine Längsfassade liegt im damaligen „Kanzleigässchen“ und ist mit Umgestaltungen als ein Beispiel der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis heute erhalten.

Freier Rathausplatz

Durch die Bombardierung Augsburgs in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 wurden große Teile der Innenstadt zerstört, darunter auch das Rathaus und die umliegenden Gebäude. Durch diese Zerstörung wurde tatsächlich die Fläche des heutigen Platzes mehr als verdoppelt. Am Standort der alten Börse wollte die Stadt in den 60er Jahren neue Verwaltungsgebäude errichten. Die Baugrube war nach Abbruch der Kriegsruinen bereits ausgehoben. Da aber der neue Platz einen uneingeschränkten Blick auf das Rathaus gewährte, wurde dieses Bauvorhaben durch ein „Komitee freier Rathausplatz“ und in einem Volksentscheid mit 55.000 Stimmen verhindert. Im Folgenden hatte das Komitee einen Architekturwettbewerb für eine alternative Gestaltung des Platzes organisiert. Dessen Ergebnisse wurden aber nie umgesetzt.

Der Weg zu einem urbanen Stadtplatz

Entworfen vom scheidenden Stadtbaurat Walther Schmidt wurde 1971 die heutige schwarz-weiße Pflasterung des freien Rathausplatzes in der Manier einer großzügigen Promenade- Gestaltung ausgeführt. Als Gegenentwicklung zu dem allgemein zunehmenden Individualverkehr wurde der Platz Mittelpunkt einer sich ausdehnenden Fußgänger- Zone der Innenstadt. Eine Neugestaltung der angrenzenden Straßen in den vergangenen 15 Jahren respektierte den Platz in der bis dahin entwickelten Form.

Allein die Aufenthaltsqualität des Platzes leidet unter den vielfältigen Aspekten der umgebenden Architekturen und undefinierter Proportionen des Stadtraumes. Die heutigen temporären Nutzungen wie Faschingstreiben, Sommernächte, Friedenstafel, Turamichele- Kinderfest und Weihnachtsmarkt werden in den warmen Monaten durch Freibewirtungsflächen auf der westlichen Platzhälfte ergänzt.

Die Menschen erleben einen Rathausplatz mit vielen wechselnden Gesichtern. Doch auch eine öffentliche Möblierung verliert sich in diesem Raum ohne definierte Blickbeziehungen und bereitet dem Besucher Unbehagen. Dies kann jedoch gewandelt werden, durch eine Rahmung der historischen Motive mit nachhaltigem Stadtgrün und durch eine Belebung der Ruhezonen mit der Pflanzung Schatten spendender Großbäume.

altaugsburgggesllschaft 2023

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